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DIE SPACE ODYSSEY EINES REISENDEN DIRIGENTEN

дирижер Юрий Лебедев

Weimar ist die Stadt der Musik, vor allem der klassischen Musik. Seit 1872 gibt es hier die Hochschule für Musik Franz Liszt. Juri Lebedev unterrichtet sowohl an dieser Musikhochschule als auch an der Musikhochschule in Sankt-Petersburg. Er ist Dirigent, Komponist, musikalischer Leiter des Landesjugendorchesters Thüringen, Dirigent des Opernhauses in Erfurt.

 

 

 

Jura, wie bist Du, ein gebürtiger St. Petersburger, nach Weimar gekommen?

 

1996 nahm ich in St. Petersburg am internationalen Prokofjew-Dirigentenwettbewerb teil und erhielt danach die Einladung mit dem St. Petersburger Symphonischen Orchester zu arbeiten. Damals war ich 29 Jahre alt und der jüngste Dirigent in der Geschichte dieses Orchesters.

 

Doch im selben Jahr wurde das Orchester aus finanziellen Gründen aufgelöst. Ich musste für eine neue Stelle Anfragen an verschiedene Musikhochschulen senden und erhielt eine positive Antwort aus Weimar. Das musikalische Ausbildungsniveaus St. Petersburgs möglicht es, auf der ganzen Welt konkurrenzfähig zu sein, so dass es keine Probleme mit der Aufnahme und dem Studium gab.

 

Nach einem Aufbaustudium begann ich an der Musikhochschule zu unterrichten, arbeitete mit der Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach, trat mit verschiedenen Philharmonischen Orchestern auf, (u.a. der Weimarer Staatskapelle, dem MDR-Orchester) und leitete das Universitätsorchester der Stadt Leipzig. Seit 13 Jahren leite ich das Landesjugendorchester Thüringen.

 

 

Wie unterscheidet sich Arbeit des Dirigenten in Russland und Deutschland?

 

In Russland gibt es immer noch den „Personenkult» des Dirigenten. Sie sind dort sowas wie Götter, Personen mit besonderen Eigenschaften.

 

2017 dirigierte ich in Krasnojarsk (ich hatte ein Konzert mit Denis Matsuev und mit Sergej Krylow). Es war sehr schwierig für mich den Dienstwagen abzulehnen, da ich „bedient zu werden“ nicht mehr gewohnt war. Der „Wolga“ hatte bis zur Philarmonie und zurück zum Hoteleingang insgesamt nur etwa 800 Meter zu fahren! Zuerst versuchte ich zu erklären, dass es nicht nötig ist, aber dann verstand ich, dass ich damit den Leuten die Arbeit wegnehmen würde. Und dann hab ich mich die 800 Meter hin und her fahren lassen.

 

In Deutschland wird die Tätigkeit eines Dirigenten durch vielfältige Vorschriften und Einschränkungen geregelt. Die Gewerkschaften der Orchestermusiker sind sehr stark.

 

In Zusammenarbeit mit einem russischen Orchester hat der Dirigent viel mehr Befugnisse. Dort schaut man während der Probe nicht so genau auf die Uhr und, wenn es das gesetzte Ziel erforderlich macht, erlauben sie dem Maestro, die Probe zu verlängern. In Deutschland ist diese Situation unvorstellbar!

 

Nur einmal musste ich mich in Deutschland wie ein richtiger „russischer Dirigent“ fühlen. Am Erfurter Theater lief „Anatevka“ (Der Fiedler auf dem Dach). Wir haben nicht mal angefangen, und in dem Moment zeigt mir jemand von der Seite auf den leeren Platz des Akkordeonisten. Und in 20 Minuten hätte er ein Solo haben müssen, ein jüdisches Lied.

 

Ein deutscher Dirigent hätte das Konzert gleich abgesagt. Der Russe ist aber heldenhaft, er will immer alle retten. Dirigierend fing ich an krampfhaft daran zu denken, wie man zum Klavier kommt, das in völliger Dunkelheit hinter den Orchestermusikern stand, um für den abwesenden Akkordeonisten zu spielen. Ich komponierte schon auch ein Lied im Kopf. Glücklicherweise tauchte der Akkordeonist zwei Minuten vor seinem Solo auf, und ich musste mein Täuschungsmanöver nicht ausführen.

 

Denis Mazuev & Juri Lebedev

 

Juri Lebedev und Denis Matsuev

 

 

 

Ist der Dirigent die Person, die immer das letzte Wort hat? Ist er ein Diktator?

 

Ja, in diesem Beruf kann es keine demokratischen Verhältnisse geben. Das Wort „Diktator» wird meist mit etwas Negativem in Verbindung gebracht. Die Diktatur im Orchester ist einer anderen Art. Der Dirigent ist die Person, die den Ruderern das Kommando gibt, damit sie harmonisch und selbstbewusst gegen Sturm und Wind segeln. In Russland ist der „diktatorische» Charakter dieses Berufs weit ausgeprägter als in Deutschland.

 

Der Dirigent sollte auf jeden Fall wissen, warum er eingeladen wurde, sein eigenes klares Konzept mitbringen und es den Orchestermusikern genau vermitteln können.

 

Heute erhalten Musiker die gleiche Ausbildung wie Dirigenten. Die Fähigkeit, ohne zu zögern, auf jede ihrer Fragen zu antworten – das ist die Qualität, die heute von Dirigenten verlangt wird.

 

 

Unterscheiden sich die aktuellen Anforderungen an den Dirigentenberuf von denen der vergangenen Jahre?

 

Es besteht ein Bedarf an Mobilität, wenn es darum geht, das Musik- und Notenmaterial schnell und effizient zu erlernen. Die Bereitschaft, geografisch mobil zu sein, die Fähigkeit Projekte in verschiedenen Städten und Ländern durchzuführen, ist in den letzten Jahren zu einer Notwendigkeit geworden. Heute muss man ein reiches Repertoire haben, um unterschiedlichste Programme in kürzester Zeit inszenieren zu können: Ballett, Theater und symphonische Musik.

 

 

Bis Du in deinem Beruf glücklich?

 

Sehr sogar! Er gibt mir die Möglichkeit, ständig Neues kennen zu lernen.  Komponisten zu begegnen ist wie sich einem neuen Planeten anzunähern. Jede Begegnung mit Musikern hat denselben Effekt: Es ist wie in einer Galaxie voller Asteroiden, wo man landen und mit jemandem plaudern kann.

 

 

Unterrichtest Du auch gerne?

 

Ja. Ich liebe es, mit jungen Menschen zu arbeiten, im unterschiedlichen Alter und auf verschiedenen Ebenen.

 

In der Chorschule, die ich mit Auszeichnung abschloss, und an der Hochschule in St. Petersburg hatten wir phänomenale Lehrer! Und ich habe ihnen gegenüber gewisse Verpflichtungen. Ich glaube, ich muss das Wissen jener Generationen an die nächste Generation weitergeben. Mir ist es nicht egal, wie sich der Beruf des Dirigenten entwickelt.

 

Leider sinkt das Niveau der Studierenden in den letzten Jahren. Es erodiert. Und das passiert nicht nur in der Musik. Es kommen immer mehr unvorbereitete Abiturienten. Aber jedes Mal gibt es ein paar „Perlen“. Häufiger sind es Ausländer, vor allem an jenen Fakultäten, wo man wirklich schuften muss – Klavier oder Violine. Deutsche Sprache an der Hochschule ist leider immer seltener zu hören. Wir haben russische, koreanische, chinesische Studenten… Junge Musiker aus mehr als 50 Ländern studieren in Weimar.

 

Letztes Jahr wurde ich eingeladen, an der Staatliche Musikhochschule St. Petersburg zu unterrichten, eine sehr ehrenvolle und verantwortungsvolle Aufgabe. In St. Petersburg existiert eine andere Situation, bezogen auf die Studenten. Es gibt viel mehr Konkurrenz. Die Einstellung ist dort eine andere, man will studieren, etwas erreichen.

 

 

Arbeitest Du jetzt auch in Russland?

 

Ja, seit 2010 verwirkliche ich Projekte. In den nördlichen Regionen – Tjumen, Norilsk, Magadan – wurden damals 2-3 mal höhere Gehälter als in Europa gezahlt, wo sich ein gewisse Krise abzeichnete.

 

Aber ich bin nicht des Geldes wegen dahin. Der Professor, bei dem ich studierte, Alexander Titow    der Chefdirigent des Staatlichen Symphonischen Orchesters, bot mir an, ein Konzert zu dirigieren, das zweite Violinkonzert von Prokofiev. Und danach begann unsere gemeinsame Tätigkeit zuerst mit diesem Orchester, danach arbeitete ich mit dem Philharmonisches Orchester Wolgograd, dem Saratov Philharmonisches Symphonie Orchester, dem Krasnoyarsker Philharmonischen Symphonie Orchester. Ich hoffe, diese Kontakte werden noch weiter wachsen.

 

Ich kann das „deutsche“ Musikverständnisses mitbringen, das in Russland nicht so bekannt ist. Die Interpretationen von Wagner, Strauss, Brahms sind „im Westen“ ganz anders. Ich habe viele Programme mit deutscher Musik. Traditionen, die ich mir während meiner Zeit in Deutschland angeeignet habe, sind für russische Musiker sehr interessant.

 

Das russische Publikum nimmt die „deutsche» Interpretation auf unterschiedliche Weise wahr. Manchmal positiv, manchmal nicht. Wir haben Beethovens sechste Symphonie einmal gespielt, und es gibt dort eine Szene des Sturms. Russische Musikkritiker stellten fest, dass ihnen der richtige Sturm, Sturmesbrausen fehlten. Mentalitätsunterschiede haben einen großen Einfluss auf die Wahrnehmung von Musik. Das russische Publikum ist emotionaler.

 

 

Wenn Du dich sich entscheiden müsstest: Deutschland oder Russland, was würdest Du wählen?

 

Ich möchte mich nicht entscheiden. Ich würde gern sowohl hier wie dort arbeiten. In zwei Ländern zu arbeiten, bereichert ungemein beruflich wie kulturell.

 

Im Allgemeinen ist es mir ehrlich gesagt egal, in welchem Land ich lebe. Wenn man seinen Job macht, wenn man Profi und erfolgreich ist, spielt der Wohnort gar keine Rolle. Musiker haben eine einfache Sprache: nur sieben „Buchstaben“, sieben Noten. Und dank dieser Sprache werden sie in jedem Land verstanden.

 

 

Юрий Лебедев с оркестром Тюрингской филармонии Гота-Айзенах

 

 

Juri Lebedev mit dem Orchester der Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach

 

 

 

 

Die Pandemie hat Dich in St. Petersburg erwischt, so dass Du auch nicht zurück nach Weimar konntest. Welche Auswirkungen hat sie sonst auf Deine Arbeit gehabt?

 

Die Weimarer Hochschule wird am 4. Mai wieder öffnen, so ist es geplant. Die Hochschule in St. Petersburg ist noch geschlossen. Der Unterricht läuft digital weiter. Es ist unmöglich, mit Orchestern per Internet zu proben, aber in Bezug auf die Lehrtätigkeit hat die digitale Variante gewisse Vorteile. Ich habe fast alle Partituren im PC gespeichert. Per Zoom biete ich Videounterricht an. Mit fünf bis acht Studenten können viele Dinge online ausführlicher besprochen werden. Ich habe bemerkt, dass Fehler im Online-Unterricht sichtbarer werden. Man muss sich nur an die neuen Formen gewöhnen und die Herausforderung annehmen.

 

Also, die Arbeit im Beruf hört mit Coronavirus nicht auf.

 

 

Wie bis Du übrigens zu diesem Beruf gekommen? Wann hast Du dich entschieden, Dirigent zu werden?

 

In der 3. Klasse kam ich in die Moskauer Chorschule. Damals suchten Dozenten in der ganzen Sowjetunion nach begabten Jungen und luden sie ein. Von 1.025 Kandidaten wurden dann am Ende nur 25 an die Schule zugelassen.

 

Und dann eines Tages in dieser Chorschule, in der fünften Klasse… Ich erinnere mich sogar, wo es war: Ich stand in der Nähe eines Klassenraumes im zweiten Stock und plötzlich begriff ich, dass ich Dirigent werde. Und von diesem Moment fing ich an, Unterricht bei älteren Gymnasiasten zu nehmen, um mich zu verbessern, und ich war mir sicher, dass ich Dirigent werden würde. Aber, im Notfall, wenn es (aus irgendeinem unbekannten Grund!) nicht klappt, dann Kosmonaut. 

 

 

 

Text: Evgeniya Kirsch  

Bilder: Archiv Juri Lebedev

 

 

Russische Version des Beitrages ↑

 

 

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